Begehung der Bauhistorikerin Dr. Schmuck vom Fachbereich Architektur der FH Würzburg-Schweinfurt. Hier veröffentlichen wir ihr Kurzgutachten vom 16.10.2009:

Bisherige Beurteilung
Mit dem „Alten Krankenhaus“ besitzt Schweinfurt ein herausragendes Denkmal der frühen Moderne, dessen architektonischer und kulturhistorischer Wert offensichtlich bisher nicht oder kaum wahrgenommen wurde. Es ist noch nicht in die Denkmalliste eingetragen, was wahrscheinlich eher ein Übersehen in der Listenerfassung der 70er Jahre war denn einer Denkmaleigenschaften verneinenden Bewertung entspricht.

Zur Beschreibung
Der Hauptbau des Alten Krankenhauses aus der Neuen Sachlichkeit erstreckt sich hangparallel, er ist auf der Nordseite durch die Straße erschlossen, auf der südlichen Talseite dagegen öffnet er sich Licht und Sonne und dem inzwischen ausgewachsenen Park. Der klare Baukörper mit Walmdach ist streng gegliedert, Fenster mit unterschiedlichen Formaten deuten die jeweiligen Nutzungen an. Auch das geräumige Haupttreppenhaus ist an der Fassade klar ablesbar und überdies als turmartiger Baukörper herausgehoben. Zur Talseite kragen durchlaufende tiefe Balkone vor, sie waren wohl als Liegeterrassen für die Patienten konzipiert Mit ihrer starken Horizontalbetonung, den geschlossenen Mauern als Brüstungen und den sehr großen, fast quadratischen, jedoch filigran durchgebildeten Fenstern zeigt auch die Südseite deutlich die Stilelemente der Neuen Sachlichkeit.

Das ehemalige Krankenhaus bindet mit einer geschlossenen Brücke an die gründerzeitliche Krankenhaussubstanz im Norden an. Auf diese Weise konnte man den Altbau des 19.J. funktional mit dem Bau der Neuen Sachlichkeit verbinden und Funktionszusammenhänge ermöglichen. Zugleich entsteht mit Turm und Brücke eine räumlich spannungsvolle Komposition. (Die Kombination von Turm und Brücke sind im Neuen Bauen häufiger zu finden, so z.B. im Dessauer Bauhaus von Walter Gropius oder in der Farbenfabrik Hoechst von Peter Behrens) Der gesamte Bau ist verputzt, lediglich das Untergeschoss ist mit Werksteinen gestaltet.

Der Haupteingang und das über Eck gesetzte Fenster im Eingangsbereich sind als besonders betonte Bauteile ebenfalls werksteingerahmt, ansonsten sind die Fenster rahmenlos in die Wandflächen eingeschnitten. Auch der Grundriss ist von großer Klarheit: ein außermittig angelegter Mittelflur erschließt alle Geschosse, unterschiedlich große Räume lassen vielfältig Nutzungen zu. Dabei sind offensichtlich alle Räume, die viel Licht benötigen, an die Talseite gelegt (Patientenzimmer, Operationssäle). Untergeordnete Räume wie Labor, Wäschekammern, WCs und Bäder befinden sich auf der Nordseite. (Die ursprünglichen Grundrisse wären noch zu betrachten, um diese Hypothese zu verifizieren).

Besonders eindrucksvoll ist der Erhaltungszustand des Alten Krankenhauses:
Viele der Kastenfenster sind noch aus der Bauzeit erhalten, fast alle originalen Griffe und Beschläge und Vorrichtungen zum Kippen der oberen Flügel finden sich vor Ort. Einfache glatte Türblätter stammen wohl ebenfalls noch aus der Erbauungszeit, während die Türdrücker größtenteils erneuert wurden. Details wie eingebaute Wandschränke und Wandnischen verraten etwas von der Sorgfalt der damaligen Planung. Auch manche Bodenbeläge in den Aufenthaltsräumen sind wohl noch originalen Ursprungs (Linoleum). Für die Bodenbeläge in den Fluren verwendete man farbigen Kunststein, zum Teil als Schachbrettmuster verlegt, zum Teil flächig verwendet. Eindrucksvoll sind die beiden geräumigen Treppenhäuser, die in ihrer Anlage, in ihrer Belichtung und in ihrem modernen Design ihresgleichen suchen. Selbst die Bauhaus-Lampen sind dort zum Teil noch erhalten.

Fazit
Das Alte Krankenhaus stellt ein hervorragendes Beispiel für die Architektur der Neuen Sachlichkeit dar. Nicht nur durch seine Gesamtkomposition, sondern auch durch seine vielen erhaltenen Details ist es ein authentisches Beispiel der Architektur am Ende der Weimarer Republik. Es ist zweifelsfrei als Baudenkmal zu klassifizieren. Offensichtlich hat die Stadt Schweinfurt in den 20er Jahren „modern“ gebaut und manifestierte darin ihr Bestreben, zeitgenössische Architekturideen auch im Zweckbau qualitätvoll umzusetzen.
Nach einer schwierigen Zeit des wirtschaftlichen Niedergangs hat sich Schweinfurt heute mit seiner neuen Architektur wieder einen anspruchsvollen Rang erarbeitet. Es wäre ein großes Verdienst, mit dem Erhalt und der behutsamen Sanierung des Alten Krankenhauses die Ideen der Klassischen Moderne für die Zukunft weiterzugeben. Mit der Beurteilung als erhaltenswertes Baudenkmal könnte man zugleich die Wurzeln heutiger anspruchsvoller Architektur dokumentieren und vergegenwärtigen. Ein Bogen zwischen Vergangenheit und Gegenwart wäre gespannt, Schweinfurt könnte stolz auf seine Vorreiterrolle hinweisen.

Abbruch oder Erhalt?
Dank seiner Stahlbetonkonstruktion und der relativ guten Pflege der Sprossenfenster befindet sich das Alte Krankenhaus in einem erstaunlich guten Zustand. Man fragt sich, warum eine solche Bausubstanz abgebrochen werden soll und ob nicht eine Umnutzung – auch unter wirtschaftlichen Gesichtspunkten - sinnvoller und nachhaltiger erscheint. In Anbetracht der einfachen und flexiblen Grundrisse scheint eine Umnutzung gut realisierbar.

Dr. Suse Schmuck, Dozentin für Architekturgeschichte an der FH Würzburg, 16.10.2009