Eine Lebensaufgabe
- mit vielen Bildern von gestern und heute zum Vergleichen


Abriss des Kapretz-Hauses im Jahre 1952 am Oberen Mainkai




Hof zum Rebstock, Neubaustraße. Im Jahr 1960 wurde der Abriss des Baus im Stadtrat diskutiert. Heute erhalten und ein schickes Hotel.

Der Hof Rebstock 2010


Vieles was wir heute in Würzburg an historischen Gebäuden vorfinden, verdanken wir dem Einsatz Heiner Reitbergers. Bei vielen Denkmälern konnte er jedoch nichts mehr erreichen. In einer lesenwerten Biographie des Malers, Literaten und Journalisten ist auch ein Kapitel mit dem treffenden Namen "Denkmalpflege als Lebensaufgabe" zu finden, das uns die Heiner-Reitberger-Stiftung und der Autor, Herr Dr. Peter Kolb, dankenswerterweise zur Verfügung stellen.
Wir empfehlen Ihnen bei Interesse das ganze Buch zu lesen! Sie werden darin so manches über Würzburg und seine Entwicklung vor, während und vor allem nach dem Krieg erfahren.
Peter Kolb: Heiner Reitberger (1923-1998). Journalist - Denkmalschützer - Künstler, Würzburg 2008, erschienen in der Reihe Hefte für Würzburg der Heiner-Reitberger-Stiftung. ISBN: 97 83 87 71 78 20-1


Sandscherhof, Ecke Theater-/ Kapuziner- straße, 1952, später abgebrochen


Dieses Gebäude entstand anstelle des Sandschenhofs. Foto von 2010.




Ruinen des Klosters Unterzell, 1950. Heute wiederaufgebaut in den erhaltenen Mauern.



Denkmalpflege als Lebensaufgabe


... Nach der Zerstörung Würzburgs 1945 waren zwar viele Häuser leergebrannt, die Fassaden aber erhalten. Nicht nur von einzelnen Häusern, sondern auch beträchtliche Teile von ganzen Straßenzügen waren noch vorhanden. Wiederaufgebaut im strengen Sinn wurden aber nur Monumente wie z. B. Kirchen, die Residenz, die Festung Marienberg, das Alte Rathaus, das Juliusspital oder die Alte Universität und einige weitere kunsthistorisch besonders bekannte Profanbauten. Innenräume wurden kaum restauriert. Beim Wiederaufbau wurde manches wesentlich verändert, auch bei Dächern und Kirchturmhauben, es wurde „vereinfacht“. Der Autoverkehr erforderte eine andere Straßenführung und die Veränderung der Geschosshöhen erlaubte, statt drei beispielsweise dann vier oder fünf zu errichten. Auch der Wille, nach der „Stunde Null“ etwas Neues zu schaffen, brach sich allenthalben Bahn.


Hof Seebach und Hofes Heideck. In den erhaltenen Mauern von Hof Heideck befindet sich heute die Bereitschaftspraxis. Bei Hof Seebach wurde die Tordurchfahrt erhalten. Gut zu erkennen, dass die Gebäude für die Straßenverbreiterung nach Hinten versetzt wiederaufgebaut wurden.

Reitbergers denkmalpflegerische Bemühungen beginnen mit der Aufnahme seiner Tätigkeit bei der Mainpost im Jahre 1949. Überblickt man den zeitlichen Bogen von diesem Ausgangspunkt bis in die achtziger Jahre des 20. Jahrhunderts, dann zielten seine Aktivitäten insbesondere auf die Rettung historischer Bauten, auf die Verbesserung von Planungen und auf die Abwehr von Vorhaben, die nach seiner Ansicht Fehlplanungen darstellten. Die Mittel bei diesen Bemühungen waren durchaus verschieden. Reitberger unterbreitete eigene Vorschläge – vor allem in seinen Main-Post-Artikeln – verfasste Publikationen und führte zahllose Gespräche sowie Korrespondenzen mit den Verantwortlichen in Würzburg, im Landesamt für Denkmalpflege, mit auswärtigen Denkmalpflegern, Journalisten, Politikern und Architekten – um nur einmal die wichtigsten Personengruppen zu nennen. Es war eine schwierige und von Enttäuschungen nicht freie Aufgabe, der er sich verschrieben hatte, denn der Wiederaufbau Würzburgs nach den Zerstörungen des zweiten Weltkrieges bedeutete ein Aufeinandertreffen der verschiedensten Interessen und auch Zwänge, die nach einer – in der Regel möglichst raschen – Lösung riefen. Reitberger war sich dessen bewusst, ertrug in diesem Bewusstsein auch zahlreiche Niederlagen, und begann doch stets wieder, für seine Ziele zu kämpfen. Im Jahre 1986 hat er eine Auswahl seiner nicht erfolglosen Bemühungen zu Papier gebracht, auf der die nachfolgenden Zeilen großenteils beruhen. Damit wird seine persönliche Sicht der Dinge thematisiert und seine subjektive Sehensweise in den Vordergrund gerückt.


Links: Das alte Konservatorium, Paradeplatz, Foto von 1949. Später abgerissen um Platz zu machen für ein modernes katholisches Erwachsenenbildungshaus. Rechts: Der Platz 2010 mit der sog. Domschule.

Es gab ein Reihe von denkmalpflegerischen Fällen, die längere Zeit bis zu ihrer Reife bzw. Realisierung benötigten – sozusagen „Langzeitthemen“ – , mit denen sich Reitberger über diesen Zeitraum hinweg engagiert beschäftigte. Daneben stand die Mehrzahl jener denkmalpflegerischen Aufgaben, die im überschaubaren, eher kurzfristigen zeitlichen Rahmen diskutiert und schließlich verwirklicht werden wollten. Zunächst zu ersteren. Kaum hatte Reitberger bei der Main-Post seine Arbeit aufgenommen, fragte er im Oktober 1949 vor dem Abbruch des von Peter Speeth gebauten Konservatoriums am Dom: „Was wird aus den Resten dieses klassizistischen Baus?“ Das damals geborgene historische Erkennungs-Symbol der alten Würzburger Musikschule, das sogenannte Lyra-Fenster, wurde übrigens 1984, also 25 Jahre später, nach seinen Vorschlägen als Dokument einer großen Tradition über dem Haupteingang der Hoch¬schule für Musik in der Hofstallstraße angebracht.

Lyrafenster des alten Konservatoriums am Paradeplatz, 1949, später abgerissen. Das Fenster wurde jedoch ausgebaut und gerettet. Es ist am Neubau der Hochschule für Musik angebracht.
Dieses langjährige Engagement beruhte auf seinem großen Interesse an Peter Speeth, dessen Bauten zu schützen, er sich lebenslang zum Ziel gesetzt hatte. Dafür ein paar Beispiele: Als es 1955 zum Wiederaufbau – und der Rettung – der Speeth-Fassade des Hauses Sanderstraße 31 kam, war – wie schon eingangs angedeutet – Reitberger zur Stelle und stellte seinen Rat dem damaligen Architekten Fritz Lill zur Verfügung, der ihn mit Verständnis annahm.

Das im sog. Revolutionsstil errichtete Haus wurde durch Reitbergers Einwirken nicht nur erhalten. Auch konnte er damit überzeugen, das aufgesetzt Obergeschoss zurückzusetzen, um die historischen Fassade besser in Szene zu setzen.

Oder: Die Planungen für ein Congress-Centrum in der Pleich veranlassten Reitberger im Jahre 1983, an die Stadt Würzburg mit der Bitte heranzutreten, den Schneidturm und das Würtzburg-Palais zusammen mit dem Gerichtsdienerhaus von Speeth (1812) als planerische Einheit zu behandeln und die originalgetreue Wiederherstellung der berühmten, durch spätere Umbauten entstellten Fassade anzustreben. Und noch ein Drittes: bei der Restaurierung von Speeths Hauptwerk, dem ehemaligen Frauenzuchthaus bei St. Burkard (Haus der Jugend), schaltete sich Reitberger 1985/86 beratend ein. Beim Umbau des anschließenden Jugendgästehauses trug er die Anregung vor, den Andreasbrunnen von der im Schatten liegenden Bastionsmauer an den jetzigen freien Platz in der Sonne zu versetzen. Mit Erfolg.

Ein eigenes Kapitel stellt Reitbergers 1953 beginnender und zehn Jahre währender zermürbender Kampf gegen die geplante und in Würzburg bereits beschlossene Purifizierung des Dom-Inneren (Beseitigung des gesamten Barockstucks) dar.


Mittelschiff des Domes 1956 vor der Entfernung des Stucks und der Deckenstruktur im Auftrag des Bischofs.

In Würzburg gab es damals nur eine kleine Gruppe aktiver Gesinnungsfreunde. In den ersten Jahren erfuhr er zwar die volle Unterstützung durch die Main-Post, das nahm jedoch mit der Zeit ab. Später stellten sich nur noch – wie schon von Anfang an – einige ansprechbare Journalisten, Kunsthistoriker, Architekten und Politiker in München, vor allem der in Würzburg geborene Generalkonservator des Bayerischen Landesamtes für Denkmalpflege, Dr. Heinrich Kreisel, auf seine Seite. Reitberger verfasste und veröffentlichte 1958 zusammen mit Rudolf Kuhn die Schrift: „Der Dom zu Würzburg zwischen Gestern und Morgen“.

Bekanntlich wurde nur in der Vierung und im Chor der Stuck wiederhergestellt, das Schiff erhielt eine hölzerne, bemalte Flachdecke. Auch das, was vom Domstuck noch da ist, gäbe es ohne mich kaum (was ich mit drei geschwollenen Leitzordnern dokumentieren könnte und wovon Heikamp vor ein paar Jahren in der BAUWELT Gebrauch gemacht hat). Das Ausräumen der Kirchen ist eine unendliche Geschichte, von der ich, was die Diözese Würzburg betrifft, nur allzuviel mit bekommen habe..., so schrieb er am 31.01.1985 an Günther Flierl. Nicht nur das Innere der Domkirche war Thema seiner Bemühungen, er argumentierte auch gegen das Erniedrigen der Helme auf den Westtürmen um zehn Meter gegenüber dem Zustand vor 1945 – ohne Erfolg.

Ein ähnlicher „Dauerbrenner“ war der Wiederaufbau der Neubaukirche. Reitberger schaltete sich immer wieder in die Diskussion ein. Im Main-Post-Artikel vom 04.01.1957 fragte er: „Wird die Neubaukirche Würzburgs neuer Konzertsaal?" Viele Jahre war er im Gespräch mit Baubeamten, Universitätsprofessoren, Kunsthistorikern und Politikern über die neue Farbfassung. Der Durchbruch gelang schließlich unter dem Rektorat von Prof. Dr. Werner Uhlmann (1969-1971), der Reitberger bei der Einweihung des restaurierten Raumes im Jahre 1985 spontan daran erinnerte, einer seiner Main-Post-Artikel zu diesem Thema habe ihn sofort davon überzeugt, dass er die Initiative ergreifen müsse, die dann auch zur Wiederherstellung des Kirchenraums geführt habe.


Apsis der Neubaukirche mit dem Barthelme-Gemälde, 1967, vor der Entfernung des Bildes und dem insgesamt gelungenen Wiederaufbau der Gesamtanlage.

Das Ergebnis betrachtete Reitberger freilich mit Wehmut und innerlich gespalten, denn er verglich das, was geworden war mit dem, was hätte werden können. Er hielt das Entfernen der Barthelme-Wandgemälde, des einzigen monumentalen Bilderzyklus des 19. Jahrhunderts in Würzburg, für unentschuldbar, ja für einen groben Fehler. Mit dem Eliminieren der Wandbilder war nach seiner Ansicht die fortzeugende Sünde begangen, der Verstoß gegen das, was er als die Basis ernstzunehmender Denkmalpflege überhaupt auffasste: die strikte Bewahrung alles Erhaltenen in situ. Dieses neue Interieur war für ihn nie schöner und konnte nie schöner sein als die Ruine! Reitberger stand hier freilich mit seiner Meinung ziemlich allein. Mit der schließlich angebrachten Farbfassung konnte er sich insoweit abfinden, als weder die „Echter-Fassung“ noch die „Petrini-Fassung“ verwirklicht wurden. Auf Reitberger wirkte der Raum nun niederländisch und etwas postmodern. Reitberger verteidigte frühzeitig die Architektur der 2. Hälfte des 19. Jahrhunderts, die damals noch als Kitsch verfemt war. Nicht nur zahlreiche Ruinen wurden in Würzburg bedenkenlos abgerissen. Von erhaltenen Fassaden wurde auch der reiche plastische Schmuck abgeschlagen. Mit etwas Stolz, aber vor allem mit Melancholie muß ich sagen, daß ich als erster mehr als zwei Jahrzehnte lang – seit 1949, seit meiner Anfangszeit bei der Main-Post, und seit dem Abbruch der Musikschule Peter Speeths,... mutterseelenallein, angefochten von Architekten und Kunsthistorikern, von den mehr oder minder gebildeten Laien ganz zu schweigen, versucht habe, öffentlich die gebliebenen Bauwerke bzw. Ruinen des ganzen 19. Jahrhunderts zu schützen, um Verständnis für sie zu werben. Manches, was heute noch da ist, wäre ohne mich weg, vieles ließ sich trotz besserer Argumente und vorhandener Courage dem herrschenden Unverstand nicht entreißen. Meine Artikelsammlung „Das alte Würzburg“ ist von Anfang bis Ende der Beweis dafür, daß ich jede mir gebotene Gelegenheit genutzt habe, in der Main-Post für das 19. Jahrhundert eine Lanze zu brechen, nicht selten zum Mißvergnügen der Redaktion....Für die Bauten des 19. Jahrhunderts vor der Gründerzeit gibt es aber bis heute keinerlei Verständnis (selbst bei Leuten, die sich für teures Geld mehr oder minder echte Biedermeiermöbel zulegen). Das schrieb Reitberger am 08.01.1985 rückblickend an Günther Flierl.


In diesem Straßenzug am Sandering wurde lediglich das Eckgebäude durch Bombenangriffe total zerstört. Der erhaltene Rest des Straßenzuges wurde für ein Neubauprojekt abgebrochen. Foto: US-Army

Er bedauerte damals im selben Brief insbesondere den Abriss des Alten Bahnhofs an der Ludwigstraße. Im wesentlichen erhalten aber war der Alte Bahnhof von Gottfried von Neureuther. Bei dem Wettbewerb für den Theaterneubau wurde nach dem Willen der Jury (nicht nur, aber vor allem auch des Bauherrn Dr. Zimmerer) jeder Versuch von vorneherein ausjuriert, der die ganze oder teilweise Verwendung der Bausubstanz vorsah. Bei der Regierung von Unterfranken gab es den einen oder anderen Referenten, der – weil in München ausgebildet – wenigstens den Wert des Kopfbaus begriffen hatte (ohne freilich deswegen Forderungen zu stellen). Aber das für meine Begriffe noch Schönere, die aufregende Bahnsteighalle (auch technisch aufregende) mit der Ostfassade, die man durchaus als geglückte Variante toskanischer Kirchenfassaden der Renaissance ansehen konnte, fand keinen Verteidiger. Man hätte ohne weiteres das Theater in dem alten Bau unterbringen können, Wettbewerbsvorschläge ohne Aussicht hatten das nachgewiesen. In einem Brief an Günter Flierl analysierte Reitberger die Gründe für dieses Verhalten. Umso mehr berührt es mich, daß auch Sie erkannt haben, daß all dies nicht aus ökonomischen oder gesellschaftlichen Unentrinnbarkeiten geschah und geschieht, sondern infolge intellektuellen Wahns: aus Ideologie. Nicht das Geschichtliche, das Schicksal, sondern falsches Denken beelendet uns, wenn wir sehen, was unseren Städten angetan wurde und angetan wird. Und wie recht haben Sie, wie sprechen Sie für mich mit Ihren Bemerkungen über Erfolg (nach altgriechischem Spruch ist die Gerechtigkeit ein Flüchtling aus dem Lager des Siegers). Pessimismus als Stadium der Reife (eine Formel von Ludwig Marcuse), wie wohl tut mir das, wie selten ist das heute. Unser öffentliches Leben wird immer kindischer, und wenn die Menschheit sich zugrunderichtet, dann vor allem, weil sie außerstande ist, erwachsen zu werden. Für das Thema „ideologische Aversionen“ hatte Reitberger nur einen einzigen Kunsthistoriker wirklich interessieren können, seinen Freund Gunter Schweikhart. Dieser hatte im Herbst des Jahres 1973 die Präsidentschaft der Dante Alighieri Gesellschaft in Würzburg übernommen. Zum Jahresende 1977 gab er sie, bedingt durch den Wegzug nach Kassel, wieder ab. In jenen Jahren entwickelte sich zwischen beiden ein freundschaftliches Verhältnis, das auch in der anschließenden Zeit von beiden gepflegt wurde.

Sonnenstraße 21-23 überlebte. Den meisten Würzburger Jugendstilgebäuden wurden die Verzierungen jedoch ab den 1960er Jahren abgeschlagen. Durch Wärmedämmungen verschwinden noch heute zahlreiche prächtige Fassaden, beispielsweise in Grombühl und der Sanderau.

Für Reitberger gab es nur bescheidene Erfolge in diesem Bereich. 1962 gelang es ihm erstmals, durch Interesse und Zustimmung von Oberbaudirektor Schlick, die stilgerechte Restaurierung einer Jugendstilfassade durchzusetzen (Sonnenstraße Nr.21/23), die "“vereinfacht" werden sollte. Dieser Erfolg war eine Schwalbe gewesen, die keinen Sommer gemacht hat. Es gab erst später einen ähnlichen Vorgang beim sogenannten Fledermaushaus in der Virchowstraße 20.


Das Fledermaushaus ist eine der wenigen ab den 1960er Jahren nicht vereinfachten Jugendstilgebäude in Würzburg. Der Jugendstil galt als altmodisch und sollte glatten, schlichten Hausfassaden Platz machen.

Reitberger verteidigte konsequent seit Beginn der 1950er Jahre die maßstabgebenden Ruinen von Barockbauten, u. a. durch den grundlegenden bereits zitierten Aufsatz „Verliert Würzburg sein Maß? Städtebaulich wichtige Profanarchitektur vom Untergang bedroht" in der Fachzeitschrift „Deutsche Kunst und Denkmalpflege", München 1960, Heft 1. Der damalige Generalkonservator Dr. Kreisel ließ jedem Stadtrat ein Exemplar des Heftes auf den Tisch legen. Unter diesen Barockbauten sind besonders zu erwähnen: der Hof Rebstock – den Abbruch der Ruine hatte im April 1960 ein Stadtrat per Antrag bereits gefordert – , das Hauger Kapitelhaus (heute Matthias-Ehrenfried Haus) und der Bechtolsheimer Hof, die beide ebenfalls zum Abbruch anstanden, der Hof Emeringen und der Hof Friedberg/Kleinmaidbronn an der heutigen Dominikanerpassage.


Der Bechtolsheimerhof in der Hofstraße im Jahre 1959 und 2010. Er konnte vor dem Abriss gerettet werden.



Die auf Reitbergers Initiative geretteten Kanonikerhäuser in der Heinestraße.

Hof Emeringen und Bronnbachergasse 34 sind bis auf den Portalaufsatz bzw. die Arkadenzone des Innenhofes Kopien, aber selbst die waren nur erreichbar durch persönliches Eingreifen von Dr. Kreisel (bei der Vereinsbank) und von Stadtkämmerer Pfeuffer an der Baustelle Bronnbacher Gasse (den ich dafür hatte gewinnen können). In diese Reihe gehören auch noch die Kanonikatshäuser Heinestraße Nr. 5 bis Nr. 9, das Torhaus Hof Weinsberg/Thüngen, und das Würtzburg-Palais, dem wegen des Hotels Maritim der Abbruch drohte. Auch das Schicksal der sogenannten Greisinghäuser in der Neubaustraße war lange offen und umstritten. Reitbergers Vorschlag in der Main-Post vom 02.10.1974, sie für das Stadtarchiv auszubauen, wurde am selben Tag vom damaligen Stadtarchivar Dr. Heinrich Dunkhase aufgegriffen und vor allem durch Stadtkämmerer Dr. Gerhard Pfeuffer unterstützt. Auf Wunsch von Dr. Dunkhase wurde auch sein Vorschlag verwirklicht, die vom Innenhof der Ruine des Hofs zur Schleie (Neubaustraße Nr.18) geborgene einzigartige große Hochbarock-Maske an der Hofseite des Archiv-Magazins als Blickfang einzubauen.


Die Erhaltung dessen, was vom alten Baubestand der Pleich übrig geblieben war, lag ihm sehr am Herzen, denn hier gab es noch Partien, die aus dem Würzburg vor 1945 überkommen waren. Im Jahre 1951 machte er die Öffentlichkeit auf ein „Alt-Würzburger Kleinod - das die Brandnacht überdauerte" aufmerksam. Er meinte damit die erhaltene Baugruppe an dem kleinen Plätzchen Pleicherkirchgasse/Pleicherschulgasse. Um so größer war seine Enttäuschung, als im September 1966 an dem Plätzchen das einzigartige Hufschmieds-Häuschen von 1532 und das Nachbarhaus abgerissen wurden und somit die Südflanke des erhaltenen Ensembles verschwand.


Originales Schmiedhäuschen, Pleicherschulgasse im Jahr 1951. 1966/67 für Neubauten abgerissen.

Zutreffend bemerkte er, dass das Haus Pleicherkirchgasse Nr.16 nun das einzige erhaltbare, auch im Innern noch historische Bürgerhaus Würzburgs, aus dem späten Mittelalter darstellt. Gleichfalls sehr früh (1952) wies er auf die Bedeutung des früheren Klosters St. Markus hin. Beim Wiederaufbau der ehemaligen Klosterkirche arbeitete er beratend mit dem Architekten und dem Bauherrn (Land-Elektra) zusammen. Es gelang die Rettung der jetzt noch vorhandenen historischen Bauteile der Kirche und des Treppentürmchens der Echterzeit.


Wohnhaus von Johann Peter Wagner, Stephanstraße, 1958. Wiederaufgebaut.

Die vielen Einzelinitiativen Reitbergers in „kurzlebigen Fällen“ können nicht alle aufgezählt werden. Ein paar beispielgebende Fälle müssen genügen. „Was wird aus dem Wohnhaus Joh. Peter Wagners?" fragte Reitberger schon 1953. Später, in der Planungsphase des Rudolf-AIexander-Schröder-Hauses, führte er intensive Gespräche mit Dekan Schwinn, der für den Wiederaufbau in der heutigen Form – mit Guss-Kopien des Originalportals als Schaufensterumrahmung für die Stephans-Buchhandlung – zu gewinnen war.


Romanischer Westgiebel der Schottenkirche vor der Sprengung 1955 und 2010. Links ein wiederaufgebautes Gebäude. Unteres Bild: Heutige Ansicht von Westen.

Ein Jahr später setzte er sich für die Erhaltung des Bestandes der Schottenkirche ein. Die Sprengung des Westgiebels dieser Kirche im Jahre 1955 war ein herber Rückschlag, gleichwohl forderte er ein Jahr später, die Schottentürme sollten wieder Spitzhelme tragen, eine Forderung, die er in den Folgejahren mehrfach wiederholte. 1957 sollte die Ruine des Bischofspalais „Hof Conti“ abgerissen werden, Vorentwürfe für einen modernen Neubau lagen bereits vor. Durch massive Einschaltung von Generalkonservator Dr. Heinrich Kreisel und durch Reitbergers Drängen wurde der drohende Abriss vermieden. Den Hof Conti rettete ich in letzter Minute (unter Berufung aufs Landesamt beschwor ich Herrn Schlick, die Baupolizei zu schicken und den Bagger, den Walter Strauß hatte auffahren lassen am Erker, heimzuschicken. Er tat es (auch weil Bischof Döpfner nach Berlin versetzt, nicht mehr gefürchtet werden mußte).


Entschuttung der Hauskapelle von Hof Conti, Herrengasse, Foto von 1954. Heute Sitz des Bischofs. Seinerzeit gegen den Wunsch von Bischof Döpfner nicht abgerissen, sondern Wiederaufgebaut.

Hof Conti 2010.

Es gab auch kleinere Dinge zu erhalten bzw. wieder her zu stellen, beispielsweise die Kanzel von Wolfgang von der Auwera in der Kirche St. Peter und Paul. Reitberger war bei denen, die das forderten. Als 1965 eine Umgehungsstraße für das Oeggtor durch den Garten des Rosenbachpalais diskutiert wurde, schlug Reitberger vor, den Garten in eine öffentliche Grünanlage umzuwandeln. Drei Jahre später erfolgte seine Übergabe an die Öffentlichkeit. 1969 rief Reitberger zur – teilweisen – Erhaltung der Floßgasse an der Alten Mainbrücke auf, die ganz beseitigt werden sollte. Der Verschönerungsverein und der Bürgerverein machten sich seine Initiative zu eigen. Erfolgreiche Verhandlungen führten dazu, dass die Gasse nur verkürzt, nicht aber beseitigt wurde. Auch die Forderung, den monumentalen Lagerhausbau Julius Echters von 1606 am Schottenanger (auch „Champagnerkeller" oder „Gieß- und Bohrhaus" genannt), wiederaufzubauen, vor allem den für das Stadtbild enorm wichtigen Treppengiebel, erhob er mehrfach.


Hier im Reuerergarten an der Stadtbauer sollte die siebenstöckige Wohnanlage als fast 90 Meter langer Riegel entstehen.

Als 1971 der Plan aufkam, im Reuerergarten eine bis zu siebengeschossige, 88 Meter lange Wohnanlage mit 95 Appartements zu errichten, erhob Reitberger massiv Einspruch. Der Plan wurde nicht realisiert. Später erfolgte die Überlassung eines Gartenteils an die Stadt für die jetzige öffentliche Anlage. Reitbergers Bemühungen, den Abriss der historischen Lagerhallen und des sogenannten alten Zollhauses hinter dem Alten Kranen zu verhindern und sie in ihrer historischen Außenerscheinung wieder aufzubauen, waren ebenso vergeblich wie die Mahnung, die mittelalterlichen Hausruinen im Hahnenhof in die Kaufhof-Erweiterung mit einzubeziehen, es langte nur zum Einbau einiger Spolien. Reitberger regte 1974 an, die „Eselsbrücke“ am Marienturm der Festung Marienberg zu rekonstruieren, was geschah, er plädierte im gleichen Jahr gegen die Unterkellerung des Sanderrasens, er fand ein Jahr später Teile des bei Abbrucharbeiten beschädigten wertvollen Renaissancereliefs am Ehehaltenhaus im Schutt und brachte sie dem Hochbauamt. Sie wurden wieder eingefügt. Als 1978 der Vorschlag aufkam, die Zentralschule abzubrechen und dort ein Parkhaus zu errichten, wandte sich Reitberger vehement dagegen. Und ein letztes: 1981/82 machte er den Vorschlag, die Bronze-Rathausmadonna von Ferdinand von Miller dem Jüngeren (1899) in der Nähe ihres originalen Standorts am Bernatz-Bau anzubringen und hatte damit Erfolg.


Alte Hausfiguren, aufgestellt in der Wappenhalle des Alten Rathauses, Aufnahme von 1953. Reitberger gelang es viele der alten Figuren zu retten und sie wieder an alter Stelle aufstellen zu lassen.

Noch ein paar Dinge in Stichworten: Reitberger kämpfte gegen eine rigorose Umgestaltung des Hofgartens nach zum Teil nie ausgeführten Plänen des späten Rokoko. Sein Argument, dass der Hofgarten durch allmähliche Umwandlung zum Erholungsgarten geworden sei und in diesem Zustand ein historisches Denkmal darstelle, setzte sich schließlich durch. Die Umwandlung der noch historischen, von Lindahl und seinen nächsten Nachfolgern gestalteten Teile des Ringparks in eine moderne Anlage, die Rettung der erhaltenen Fragmente des Riemenschneiderhauses und deren einwandfreie Konservierung, den Erhalt des Gartenhauses Greisings hinter der Waffen-Franconia in der Randersackererstraße, die Öffnung des Maschikuliturmes für die Öffentlichkeit, die Ablehnung eines Eisenbügelzaunes um den Residenzplatz, dies alles hatte er sich auf die Fahnen geschrieben. Diese Liste ließe sich ohne Schwierigkeiten verlängern.

Weitere Enttäuschungen wechselten sich mit Erfolgen ab. Die Positionen Reitbergers waren für viele Architekten und Persönlichkeiten im universitären, kirchlichen und kommunalpolitischen Bereich, aber auch für Denkmalpfleger, nicht nachvollziehbar. So kam es, dass er mit nahezu allen, die in diese Dingen involviert waren, in fachliche Auseinandersetzungen geriet. Besonders eindrucksvoll zeigt sich das an einigen Beispielen, so, als der Neuanstrich der Festung Marienberg zur Entscheidung anstand, die Marienkapelle renoviert werden sollte oder das neue Staatsbankgebäude an der Ecke Residenzplatz/Theaterstraße errichtet wurde. Sogar mit dem von ihm so sehr verehrten Dr. Heinrich Kreisel, kam es in den genannten Fällen zu Auseinandersetzungen, die darin gipfelten, dass Dr. Kreisel 1969 schrieb, er verstehe Heiner Reitberger nicht mehr. Er wollte keine Antwort mehr erhalten, seine Verärgerung war groß. In diesen Fachdebatten wurde auch deutlich, wie wenig fach-kompetent der eine den jeweils anderen hielt. Man wahrte zwar die Form, ließ aber deutlich erkennen, welche Meinung man vom anderen hatte.

Nach den schlimmen Erlebnissen in Florenz 1980 wuchs bei ihm stetig das Empfinden für die Unantastbarkeit und Verletzlichkeit vertraut gewordener Örter, d. h. Bilder der Stadt. Er empfand, wie sehr der historische Häuserbestand des Schutzes bedurfte, litt unter jeder Veränderung (meistens zum Hässlicheren), und das Gefühl, verantwortlich zu sein für die Stadt seiner Frau stellte sich in Jahren genauso her wie in Jahrzehnten für Würzburg. Als Reitberger Mitte der 1980er Jahre auf seine denkmalpflegerischen Bemühungen, Erfolge und Misserfolge in einem Brief an Günter Flierl zurückblickte, war das Ergebnis für ihn doch ernüchternd, teilweise sogar enttäuschend. Deutlich macht sich eine gewisse Resignation in Sachen Denkmalschutz bemerkbar. Von Tag zu Tag wird mir die gängige Denkmalpflegepraxis dubioser, gerade weil ich weiß, wie schwer es ist, in all dem Widerstreit etwas halbwegs Richtiges zu tun. Mich mit meinen Grundbedenken überhaupt verständlich zu machen, gelingt mir immer weniger, zumal bei den zwangsläufig immer jüngeren Gesprächspartnern. Auf gewisse Argumente verzichte ich von vorneherein, weil die Alternative, mit (meist freundlichem) Unverständnis angelächelt zu werden, oder das Gefühl zu haben, den anderen zu verletzen, ja nicht gerade angenehm ist... Schon eingewurzelt ist in mir der Eindruck, daß wir beim Architektur-Restaurieren aus Alten und Maladen Hollywoodleichen machen, aus noch Lebendem schon Totes. Bei der Neumünsterfassade hatte ich durch Zufall etwa Gelegenheit, zur Abwendung des Allerschlimmsten wesentlich beizutragen. Nach den diskutierten Entwürfen war ja beabsichtigt, alles plastisch Hervortretende, Säulen, Giebel etc. durch Weißtünche herauszupräparieren und optisch loszulösen von dem roten Grund. Nach Gesprächen mit mir fand der persönlich sehr nette Herr Schädel jr. selber heraus, was ich ihm nahezubringen versucht hatte, daß dieses weiße Säulen- und Gebälk- Gestell gewirkt hätte wie ein (dürftiger, sage ich) barocker Hochaltar-Aufbau, den man an der Straße abgeladen hat. Ich führte Herrn Schädel ans Eckhaus Plattnerstraße, das mit den vielen Uhren, und bat ihn, sich den favorisierten Entwurf ausgeführt vorzustellen: Man hätte in dieser Perspektive nur Weiß gesehen! Bei einem Zufallsgespräch auf der Straße, vor den Gerüsten, bei dem auch meine (florentinische) Frau mitreden konnte, ließ sich Herr Schädel auch in seinem Gefühl bestätigen, die überreich bereits zur Vergoldung vorbereiteten Partien am Hauptgiebel und anderwärts seien der Pracht zuviel, und er hat dann das Gold im vorletzten Moment noch drastisch reduzieren lassen. Trotzdem: das Ganze bleibt schlimm genug wegen der ganz willkürlichen Übergriffe an vielen Stellen. Für Reitberger hatte die Fassade ihre Würde verloren, sie wurde zur Hollywoodleiche. Ich habe immer behauptet, und konnte davon auch einen Stadtrat (Dürrnagel) einigermaßen überzeugen, ausgerechnet Greising habe ja bestimmt äußerst bewußt an den Fassaden den Rot-Gelb-Wechsel angegeben (siehe Priesterseminar oder Rückermain, wo von wenigen modernen Veränderungen abgesehen, das Dekorations-System aus den beiden Farben noch eindeutig ist und eindeutig unstatisch). Bei der Peterer-Kirche hat man den Wechsel von ganz gleichförmigen Rotsandstein- und Muschelkalkquadern bei den letzten beiden Restaurierungen durch Rot-Überschmieren negiert (Eckfassung des Mittelteils).

Zu den wenigen Architekten, die Reitbergers Intentionen – jedenfalls teilweise – folgten, gehörte Fritz Lill. Er stammte aus einer Denkmalpfleger-Familie und war intelligent genug, den Widerwillen der jüngeren Generation gegen das Metier der älteren zu relativieren und sogar zu überwinden. Lill, der ab den 1950er Jahren Architekt des St. Brunowerkes war, ließ sich von Reitberger dazu überreden, beim Sozialen Wohnungsbau nicht nur z. B. wenigstens das Portal des Trockau´schen Palais (Neubaustraße) und die gekurvte Baulinie beizubehalten, sondern in der Spiegelstraße auf dem Gelände des Hofes Uissigheim den Hauptbau nicht neben die Fahrbahn zu setzen, sondern nach rückwärts, um den Gartenpavillon zu erhalten. Für Reitberger war eine Erfahrung wie diese Anlass, das Urteil über die Ansprechbarkeit mancher Personen in der Anfangszeit des Wiederaufbaus doch in etwas milderem Licht zu sehen. Obwohl man – insgesamt gesehen – wenig auf ihn gehört hatte, erfüllte es ihn gleichwohl mit Befriedigung, wenn er sich daran erinnerte, was ohne ihn vielleicht ganz oder zum Teil mit Sicherheit nicht mehr da wäre. Die vorstehenden Zeilen geben Beispiele dafür. Im Jahre 1980 schreibt er in einem Brief an Gunter Schweikhart: Mit Würzburg ist es ein Elend, Hertie zum Kotzen, der Obere Markt eine Schande...

Nicht wenig gelang uns trotzdem zu vereiteln..mit Hilfe vor allem auch von Frau Mandel (Seehof)...

Reitberger forderte Respekt nicht nur vor der anderen Person, sondern vor allem auch vor dem Lebensrecht der originalen alten Bauwerke, Kunstwerke, Fragmente. Die effektive, leider nicht selten auch nur angemaßte Fähigkeit, sie nachzubilden bzw. mehr oder minder geistreich und kunstvoll zu imitieren, berechtigt nach seiner Ansicht in Wahrheit niemand dazu, das wenige noch vorhandene Echte zuvor grob zu misshandeln oder zu zerstören. Das verkehrte Denken müsste allgemein als solches erkannt und geächtet werden – so Reitbergers Meinung. 1988 schrieb er in einem Brief an Hans-Werner Loew: Unter Denkmalpflege versteht man hier (Würzburg) die grobe Beseitigung des Originalen und seinen Ersatz durch mehr oder minder grobe Imitationen oder „Neuschöpfungen“. Jüngstes Beispiel: aus dem frühklassizistischen Lagerhäusern des Sohns von Balthasar Neumann wird ein „barockes“ Touristen-Center als Kaschierung eines Wirtshauses. In den Fünfzigerjahren hätte man das – bei allen unverzeihlichen Bausünden auch jener Zeit – ziemlich allgemein als „Gelsenkirchener Barock“ bezeichnet und als „reaktionär“ gewertet.


Lagerhallen am Alten Kranen, 1976, leicht verändert wiederaufgebaut. Andere Planungen favorisierten den Abriss zugunsten einer vereinfachten Straßenführung.

Und wenige Jahre vor seinem Tode, äußerte sich Reitberger in einem Brief vom 06.08.1994 an Isolde Ragaller nochmals zur Denkmalpflege. Die Denkmalpflege, die von Anfang an auch Ideologie war, kommt jetzt einfach nicht mehr mit: mit der Wirklichkeit. Nicht ohne große eigene Schuld. Für mich war ihr Sündenfall – seit den späten fünfziger Jahren – ,daß sie ihren prinzipiellen pragmatischen Materialismus aufgegeben hat, nämlich so wars vorher: nur das Originale, wie fragmentarisch auch immer, hat Denkmal-Wert, wenn unbedingt ergänzt werden muß, dann nur so, daß die Zutat als modern unmißverständlich erkennbar bleibt. Natürlich war auch dies Prinzip, wie alle Prinzipien, nur so richtig wie die Ausnahmen, die es zulassen konnte, vor allem nach der Kriegs-Zerstörung (etwa die Rekonstruktion der Warschauer Altstadt als nationale Zwangsneurose. Auch Würzburg in gewissen Fällen, wenn auch nicht in allen z. B. Heinzmanns fragmentarische Franziskanerkirche war einfach richtiger als die jetzt proportional noch dazu fehlerhafte Neo-Frühgotik).


Aufstellung von Renaissance-Epitaphien aus der Franziskanerkirche, 1952

Heute ist die Denkmalpflege sekundär gegenüber der höchst potenten Imitier-Industrie. Die Aura des Originals – von der ja die Schönheit abhängt, ...gilt als rückständige Wahnidee. Daß aus alterskranken Bauwerken Hollywood-Leichen werden, stört so gut wie niemand mehr, weil nicht wahrgenommen wird, daß die geschminkten Kadaver nicht leben (schreckliches lokales Beispiel der durch Herrn Haas allen Zaubers beraubte Neumann Pavillon in Randersacker). Etwas pathetisch gesagt, aber alles weniger Pathetische wäre ungenau: der geistige Bankrott der Denkmalpflege ist die Konsequenz daraus, daß der Tod als das natürliche Schicksal auch der gemachten Dinge nicht als dunkler Hintergrund allen Tuns selbstverständlich präsent bleibt, sondern – im besten Fall geniert – außerhalb des Fachdenkens bleibt, nicht anders als bei (dem Utopisten) Marx, und in der Praxis bereits bei den christlichen Kirchen. Auch bei Bauwerken, Kunstwerken ist, sobald sie geboren wurden, das Leben nur noch – kürzere oder längere – Agonie. Wenn diese simple Wahrheit nicht als Erkenntnis gilt, sondern als Pessimismus überhaupt nicht mehr in Betracht kommt, hat die Denkmalpflege als geistige Disziplin abgedankt.


Gartenhaus an der Talavera, 1952


Mainkai 1954 und 2009. Ging das Wasser vor einhundert Jahren noch bis kurz vor die Häuser, so verlangte jede Umgestaltung des Ufersbereichs neue Flächen. Bei der letzten Umgestaltung 2009 verlor der Fluss wieder 2 Meter, so dass der Main mittlerweile im Bereich des Bildes ca. 15 und ca. 40 Metern auf Höhe der Mainkuh an Breite verloren hat.


Heiner Reitberger vor der Zeller Brücke, deren Überreste in letzter Sekunde gerettet werden konnten.

Historische Bilder: Heiner Reitberger Stiftung, digitalisiert durch Herrn Peter Kolb - vielen Dank für die Zurverfügungstellung!
Bildunterschriften: Teilweise in Anlehnung an Texte im Buch durch www.wuerzburg-denkmalschutz.de