Der Bronnbacher Zisterzienserhof - oder die Zerstörung eines der letzten romanischen Zeugnisse

Wie eines der ältesten Bauwerke der Stadt im Herbst 2009 niedergelegt wurde erfahren Sie in einer spannenden Dokumentation von Dr. Christian Naser von der Universität Würzburg. Seinen bauhistorischen Forschungen ist zu verdanken, dass ein kleiner Teil der Anlage möglicherweise erhalten wird. Sein Bericht liest sich spannend wie ein Krimi und stellt den Würzburger und Münchner Behörden ein Armutzeugnis aus: Neben dem barocken und dem gotischen Teil der Klosterhofanlage wurden erhebliche romanische Bauteile eines ehemals bedeutenden mittelalterlichen Klosterhofs zerstört, die aus einer Zeit stammen, da Würzburg noch zu den wichtigen Städten des Kaiserreichs zählte:

Sie können den Text im Folgenden lesen oder hier als pdf herunterladen.

Der Verschönerungsverein hat des Weiteren eine Bilddokumetation ins Netz gestellt.

Im Bild: Romanische Mauer mit barocker Balustrade vor dem Abbruch

Christian Naser:

Der Untergang des Bronnbacher Zisterzienserhofes in Würzburg

Auf dem Gelände des Bronnbacher Zisterzienserhof war für das Jahr 2009 ein Neubau mit Geschäfts- und Wohnräumen geplant. Die noch stehenden Teile des Hofes waren vom Denkmalamt als nicht erhaltenswert eingestuft worden.
Dieser Befund erstaunt angesichts der Beschreibungen in der einschlägigen Fachliteratur. Im Folgenden einige Auszüge aus dem für Würzburg relevanten Band der Reihe „Die Kunstdenkmäler von Bayern“ (München 1915):

Seit dem 12. Jahrhundert Besitz des Klosters Bronnbach. Von der ehem. vierflügeligen Anlage interessieren nur mehr der West- und Südflügel. Sie scheinen identisch zu sein mit den Neubauten, die von 1661 ab ausgeführt wurden. 1661 ist der Steinmetzmeister Heinrich Werkmeister am „neuen Bau“. […] Der Westflügel an der Karmelitengasse hat im Untergeschoß große rundbogige Auslagen, barock umrahmt; auf den Keilsteinen Artischocken. […] Der Westflügel springt gegen den Südflügel etwas zurück. Die Ecke wird durch einen eingeschossigen Bau mit Terrasse ausgeglichen; steinerne Balustrade.
(In: Die Kunstdenkmäler von Bayern. 12. Stadt Würzburg, bearb. v. Felix Mader, S.590f.)

Links: Im Vordergrund die eingerissene Barockfront mit den Stümpfen der eingerissenen Säulen, im Hintergrund sind romanische Mauern zu erkennen. Rechts: Ostwand des Westflügels. Der romanische Bogen mit gelb-roter Farbfassung. Links davon ein zugesetztes Fenster. Im Bogen ein spätgotisches Fenster mit Jahreszahl (1478). Zwischen Bogen und zugesetztem Fenster eine in romanischer Zeit verbaute Spolie (Bilder und Untertitel von der Redaktion ergänzt).

Zitiert werden nur diejenigen Passagen, die sich auf Bauteile beziehen, die im Frühjahr 2009 noch standen. Die damaligen Denkmalpfleger waren sich nicht sicher, ob sich noch Vorgängersubstanz in dem Neubau von 1661 verbirgt. Tatsächlich kamen beim Abriß noch erhebliche Bauteile des romanischen Vorgängerbaus zu Tage – vor allem die Süd-, aber auch Teile der Ostwand des im Erdgeschoßbereich noch stehenden Westflügels und die Reste einer romanischen Doppeltoranlage zwischen West- und Südflügel. Trotz entsprechender Hinweise wurde die Anlage im Laufe des Jahres 2009 bis auf geringe und nicht mehr aussagefähige Reste des Westflügels niedergelegt. Im Folgenden nun die Chronologie der Geschehnisse:

Im Bild: Barocke Straßenfront während des Abruchs



I. Die archäologische Grabung



Auf dem Gelände des Bronnbacher Hofes wird unter Aufsicht des Denkmalamts seit dem Frühjahr 2009 archäologisch gegraben. Ich komme am Donnerstag, den 28.05.2009, mit dem Grabungsleiter der Firma Heyse, Herrn Wortmann, in Kontakt und erfahre dabei, daß die noch stehenden Mauerteile des Bronnbacher Hofes in Kürze niedergelegt werden sollen. Ich bin mit den Archäologen im Gespräch, als Dr. Hoppe (Bayerisches Landesamt für Denkmalpflege, zuständig für Bodendenkmäler in Ober- und Unterfranken) eintrifft. Ich mache ihn auf die Mauerstärke des noch stehenden Westflügels des Klosterhofes aufmerksam und äußere meine Vermutung, dass noch romanische Substanz vorhanden sein könne. Vor allem die Stärke der Südmauer – parallel zur Bronnbachergasse – sei auffallend. Meine Frage, ob eine Bauuntersuchung noch vorgenommen werde, wird verneint. Mit der Bemerkung, daß bei der Grabung alles dokumentiert werde, und dem Hinweis, daß er als Archäologe nur für Bodendenkmäler zuständig sei, beendet Dr. Hoppe das Gespräch. Meine abschließende Frage, ob es noch Sinn habe, mit den zuständigen Institutionen des Denkmalamts in Würzburg bzw. Bamberg Kontakt aufzunehmen, wird mit dem Hinweis auf die bereits erteilte Bau- und Abrißgenehmigung verneint.

Am nächsten Tag, Freitag, den 29.05.2009, nehme ich mit Herrn Dr. Rembrant Fiedler (Denkmalamt Bamberg) Kontakt auf. Er ist über den bevorstehenden Abriß überrascht, da er davon ausgegangen war, daß die noch vorhandenen Teile in den Neubau integriert werden. Er hatte am Tag vorher noch einen Vortrag über den Hof gehalten. Nachdem er die Akten über das Bauvorhaben eingesehen hat, teilt er mir mit, daß der Antrag auch so ausgelegt werden könne, daß nur Bauteile im Neubau wiederverwendet werden. Er verbindet mich mit dem zuständigen Referenten, Herrn Dr. Robert Pick. Dieser schlägt mir vor, ihm und in Abschrift der Stadt Würzburg (Untere Denkmalschutzbehörde, Herr Spenkuch) eine kurze Beschreibung meiner Beobachtungen zukommen zu lassen.

Im Bild der späterer Zustand am 5. Juli: Fast tausendjährige Geschichte steckt in diesen Kellergewölben - bald Ort einer Tiefgarage.



Da in den nächsten 10 Tagen keine Reaktion auf meine Briefe erfolgt, nehme ich nochmals Kontakt mit dem Denkmalamt auf. Dr. Pick erklärt mir nun, dass das Denkmalamt keinen Handlungsbedarf sehe. Außerdem unterliege man Sachzwängen. Abriß und Neubau seien genehmigt. Schon von daher gebe es keinen Handlungsspielraum mehr. Er gibt mir zu verstehen, dass er in Zukunft keine Anrufe mehr wegen dieser Sache wünsche. Außerdem stehe es mir ja frei, als Privatmann mit dem Bauunternehmer Kontakt aufzunehmen, um von ihm die Genehmigung zu erhalten, die Mauer noch zu untersuchen.

Daraufhin informiere ich am Montag, den 15.06.2009, Herrn Prof. Kummer. Es gelingt Prof. Kummer, mit der Baufirma auszuhandeln, daß ich noch eine Untersuchung der aufgrund ihrer Mauerstärke auffallenden Südmauer vornehmen kann. Die Aktion sei auf Vermessung und fotografische Dokumentation beschränkt. Zu diesem Zwecke nehme ich Kontakt mit dem leitenden Geschäftsführer des Bauträgers Riedel, Herrn Lambers, bzw. mit dem Bauleiter Herrn Bulle auf. Dabei erfahre ich, dass der Abbruch Dienstagmorgen beginnt, also nur noch wenige Stunden für die Untersuchung Zeit sind. Werkzeug stehe keines zur Verfügung, Strom könne gestellt werden. Ich müsse um 8.00 Uhr morgens vor Ort sein, da Herr Bulle nur kurze Zeit auf der Baustelle sei. Am Abend desselben Tages informiere ich noch den Stadtheimatpfleger Dr. Steidle. Er ist erst seit wenigen Wochen im Amt und über die Tragweite und Dringlichkeit nicht unterrichtet worden. Er wolle aber auf der Baustelle gegen 10.00 Uhr vor Ort sein.

Am Dienstag, den 16.06. 2009, bin ich um 7.30 Uhr mit Werkzeug und 2 Helfern auf der Baustelle. Die Vorbereitungen der Abbruchmaßnahmen sind voll im Gange. Der Bauleiter Herr Bulle trifft kurz nach 8.00 Uhr auf der Baustelle ein. Er will aber noch auf Herrn Lambers warten, bevor wir beginnen können. Herr Lambers, der sehr entgegenkommend ist, erteilt uns schließlich die Erlaubnis.

Gegen 10.30 Uhr sind cirka 25 qm Zementputz im äußeren und inneren Bereich der Mauer entfernt worden. Parallel dazu hat der Abriß vom Inneren Graben aus begonnen. Die im Innenhofbereich tätigen Archäologen bestätigen uns, dass der für das Mauerwerk verbaute Mörtel nach 1400 nicht mehr verwendet worden sei. Sie vermuten, dass die Mauer im 13. Jahrhundert errichtet wurde. Wir legen einen romanischen Türstock frei, dessen Durchgangshöhe wegen des heutigen Straßenniveaus nur noch 1 Meter beträgt. Dr. Steidle und ein Vertreter der Würzburger Bauaufsicht treffen fast zeitgleich auf der Baustelle ein. Die Bauaufsicht erklärt, dass vom Stadtrat Dürrnagel der Antrag gestellt worden sei, aus denkmalpflegerischen Gesichtspunkten den Abriß einzustellen. Dr. Steidle befürwortet dies und stellt den Antrag bei der Bauaufsicht, daß die noch stehenden barocken Bögen und die mittelalterliche Mauer nicht mehr abgerissen werden sollen. Gegen 11.00 Uhr wird der Abriß eingestellt. Dr. Steidle verabschiedet sich, um Kontakt mit dem Bauamt aufzunehmen. Ein nochmaliges Treffen wird um 11.30 Uhr vereinbart. Unterdessen trifft die Presse in Person von Herrn Wust auf der Baustelle ein. Gegen 12.15 Uhr ist auch Dr. Steidle wieder vor Ort und gibt eine Stellungnahme ab. Am nächsten Tag erscheint in der Mainpost ein Artikel.

Am Nachmittag nehme ich Kontakt mit Herrn Dürrnagel auf. Er wurde durch Frau Pracher bzw. Frau Erben, zwei Mitglieder des Verschönerungsvereins, informiert und stellte am Morgen den Antrag, den Abriß einzustellen. Ich weise ihn auf den Wert der noch erhaltenen Bauteile hin, vor allem auf die gefährdeten Barockteile von 1661 und die eventuell noch vorhandenen Kelleranlagen.

Am frühen Abend ruft mich der Geschäftsführer der Firma Riedel, Herr Lambers, an. Er ist über die Einstellung des Abrisses verärgert. Dies sei so nicht geplant gewesen. Ihm sei versichert worden, dass der Firma keine Nachteile daraus entstehen würden. Im Grunde hätte der Abriß binnen 24 Stunden erfolgen sollen. Ich stelle auf seine Frage hin klar, daß ich kein Vertreter der Bauaufsicht bzw. der Presse bin und versichere ihm, daß das Gleiche für Prof. Kummer gelte. Abschließend rate ich ihm, mit dem Denkmalamt Kontakt aufzunehmen.

Mittwoch, den 17.06.2009. Der Abriß geht weiter. Die Bögen zum Inneren Graben und der erste Bogen zur Karmelitenstraße fallen. Fünf barocke Bögen zur Karmelitenstraße stehen noch. Die Mauerteile sind in Bruchsteintechnik ausgeführt. Ich fotografiere diesen Zustand und frage bei Dr. Steidle nach dem Stand der Dinge. Er antwortet, dass die gefallenen Bögen nicht zu retten gewesen seien, da es sich dabei – laut Denkmalamt – um eine Rekonstruktion der Nachkriegszeit handele und außer den Bogenteilen keine alte Substanz mehr vorhanden gewesen sei. Ich weise darauf hin, dass die noch stehenden Bögen deutlich aus dem 17. Jahrhundert sind.

Donnerstag, den 18.06.2009: Der Abriß geht weiter. Der nächste barocke Bogen ist gefallen, sein Nachbar ist bereits vom Bagger angerissen worden. Bis auf die romanische Mauer und vier Bögen zur Karmelitenstraße sind nun alle Bögen niedergelegt worden. Ich rufe wiederum Dr. Steidle an. Er meint, daß sich alles schwierig gestalte und wohl nichts mehr zu machen sei. Ihm seien die Hände gebunden und er habe keine Handlungsmöglichkeiten. Daraufhin rufe ich Herrn Dürrnagel an und weise ihn auf den weiteren Abriß und die Gefährdung der Kelleranlagen hin. Herr Dürrnagel informiert mich, dass das Denkmalamt die barocken Teile zum Abriß freigegeben habe. Kurz darauf erfolgt ein erneuter Rückruf von Herrn Dürrnagel. Nach Rücksprache mit Herrn Spenkuch (Baureferat Stadt Würzburg, Zuständigkeitsbereich Denkmalschutz) habe er erfahren, dass zwei Barockbögen stehen bleiben sollen und dass die romanische Mauer untersucht werden solle. Die Firma Riedel habe auf Intervention des Denkmalamtes bereits die im Hof tätige Grabungsfirma Heyse beauftragt.

Am Freitag, den 19.06.2009, erfolgt eine Stellungnahme in der Mainpost durch den Geschäftsmann Herrn Mars, der sich für die Erhaltung der noch stehenden Teile des Hofes einsetzt.

Montag, den 22.06. 2009: Sämtliche barocken Teile sind niedergelegt worden. Die Mauerkrone der romanischen Mauer ist schwer beschädigt. An der Spitze der Mauer sind die Reste einer gotischen Türanlage zu sehen. Am Nachmittag rufe ich Herrn Dürrnagel an. Da die Bauuntersuchung offensichtlich mit dem Bagger durchgeführt werde, sei es nur noch eine Frage der Zeit, bis die letzten Reste verschwänden. Jetzt seien Tag für Tag die barocken Teile beseitigt und die romanische Mauer vom Bagger bereits schwer beschädigt worden. Und dies, obwohl doch zumindest für die romanische Südmauer ein Abrißstop gelte. Er verspricht, nochmals Kontakt mit dem Bauamt aufzunehmen, um eine schonende Behandlung der noch stehenden romanischen Mauerteile zu erreichen. Er informiert mich außerdem, dass die Baumaßnahme morgen nochmals auf der Tagesordnung des Bauausschusses stehe.

Am Dienstag, den 23.06.2009, führe ich wieder ein Telefonat mit Dr. Steidle. Morgen sei eine Pressekonferenz mit dem Denkmalamt und der Stadt Würzburg angesetzt. Dr. Steidle betont, daß er das ihm Mögliche getan habe, indem er empfohlen habe, die Mauer zu erhalten.

Am Mittwoch, den 24.06.2009, erfolgt ein erneutes Telefonat mit Herrn Dürrnagel. Die noch stehende Mauer solle gesichert und durch die Grabungsfirma Heyse untersucht werden. Er setze sich auch dafür ein, daß die Firma Riedel-Bau angehalten werde, die romanische Mauer in den Neubau zu integrieren.

Am Montagmorgen, den 29.06.2009, befinde ich mich wieder auf dem Abbruchgelände. In den letzten noch stehenden Teilen der Ostwand ist ein romanisches Tor mit zweifarbiger Bemalung zu erkennen. Offensichtlich waren auch noch beträchtliche Teile der vom Denkmalamt als neuzeitlich eingeordneten – und damit zum Abriß freigebenen – Ostwand romanisch gewesen. Der Bogen war vermauert und ein kleines Fenster eingelassen worden. Der Fensterstock trägt die Jahreszahl 1478. Am Tag der Freilegung der Südwand war dies nicht zu erkennen, da ein Bauschuttcontainer den Blick auf die Ostwand verstellte. Das Tor ist frisch beschädigt, es fehlen einige Keilsteine. Momentan stehen noch zwei Drittel der Toranlage, die Ähnlichkeit mit der Toranlage des Hinteren Gressenhofes (Wirtshaus zum Stachel) hat.

Der Grabungsleiter, Herr Wortmann, bestätigt, daß auch die noch stehenden Teile der Ostwand romanisch seien. Die fehlenden Teile des Tores seien schon auf der Bauschuttdeponie, die – wenn auch beschädigten – Teile der gotischen Hochtoranlage der Südwand seien gesichert. Auf den desolaten Zustand der noch stehenden Teile – und speziell der romanischen Südwand, für die ja explizit ein Abrißstop ausgesprochen worden sei – angesprochen, bemerkt Herr Wortmann, daß der Baggerführer angewiesen sei, vorsichtig vorzugehen; er selbst könne nicht gleichzeitig in den Grabungsgruben und auf dem Abbruchgelände vor Ort sein. Man arbeite unter Zeitdruck. Ich möge wegen der fehlenden Teile der romanischen Toranlage den LKW-Fahrer fragen, wo er den Bauschutt entsorge. Ich äußere meine Zweifel daran, daß eine Baggerschaufel das geeignete Werkzeug für eine Bauuntersuchung sei. Gehe es in dieser Art weiter, gebe es bald nichts mehr zu dokumentieren. Herr Wortmann antwortet mir, es gehe hier um Sachzwänge. Ich deute auf die zerfledderte Mauerkrone mit den Worten: „Zumindest sind die gewählten Methoden diskussionswürdig“.

II. Die romanische Doppeltoranlage



Während der nächsten drei Monate nimmt nun die Firma Heyse weitere Grabungen vor. In diesem Zeitraum werden die Garagen im Süd-Westen des Geländes und die darin integrierte Außenmauer zur Bronnbacher-Gasse ohne Voruntersuchung niedergelegt. Ende September ist die Grabung beendet. Zum Abschluß der Grabung veranstaltet die Grabungsfirma einen Tag der „offenen Tür“ (Donnerstag, den 25.09.2009), um die Bevölkerung über die Grabungsergebnisse zu informieren.

Bei dieser Gelegenheit frage ich den Grabungsleiter der Firma Heyse, Herrn Wortmann, im Rahmen seiner Führung, wie er den Pfeiler im Anschluß zur Südmauer datiere und wie er ihn bautechnisch einordne. Er antwortet darauf, daß der Pfeiler romanisch sei und seine Deutung schwierig. Nach der Beendigung der Führung gehe ich nochmals auf Herrn Wortmann zu. Ich äußere die Vermutung, daß es sich um den Mittelpfeiler einer romanischen Doppeltoranlage handeln könne. Ähnliche Bauteile gebe es noch beim Hinteren Gressenhof (Wirtshaus zum Stachel) in Würzburg oder in der Oberzeller Klosteranlage: Einem Hauptbogen sei eine kleinere Fußgängerpforte beigeordnet. Auch beim Bronnbacher Hof habe es den Anschein, als seien noch die versetzten Ansatzstellen für die Bogenteile des Haupttores und der Fußgängerpforte zu erkennen. Herr Wortmann äußert daraufhin, daß dies möglich sei. Eine weitere Freilegung des Pfeilers sei nicht möglich, die Grabung sei mit dem heutigen Tag beendet. Daraufhin wende ich mich mit meiner Vermutung an den ebenfalls anwesenden Vertreter des Bayerisches Landesamt für Denkmalpflege, Herrn Dr. Hoppe, der keinen Handlungsbedarf sieht.

Am Montag, den 28.09.2009, versuche ich zusammen mit Prof. Kummer, den Pfeiler nochmals zu besichtigen. Herr Wortmann ist gerade dabei, das Grabungsbüro aufzulösen, und verweigert uns zunächst den Zutritt auf die Baustelle und damit zu dem Pfeiler, ändert dann aber seine Meinung und gibt uns die Erlaubnis, das Gelände zu betreten. Herr Prof. Kummer bestätigt meine Vermutung, daß es sich um den fast 4 Meter hohen Mittelpfeiler einer Doppeltoranlage handele. Er stellt außerdem anhand von Mörtelspuren zwei romanische Bauphasen fest.

Im Laufe der nächsten Tage wende ich mich mit dem Hinweis auf die Toranlage telefonisch und per E-Mail (30.09.2009) an Herrn Dr. Steidle, den Würzburger Stadtheimatpfleger. Ich weise ihn auch auf die Dringlichkeit einer noch eingehenderen Grabung auf dem Gelände des Südflügels hin.

Nachdem die Erdarbeiten der Firma Riedel auf dem Gelände rasch vorangehen und das Gelände des Südflügels undokumentiert abgegraben worden ist, intensiviere ich meine Anrufe bei Herrn Dr. Steidle, da ich nun auch die Toranlage akut gefährdet sehe. Ich mache Dr. Steidle außerdem darauf aufmerksam, daß die so lange gesuchten Gewölbekeller sich im Südflügel befunden hatten. Herr Dr. Steidle verspricht, sich um die Toranlage zu kümmern. Zusätzlich nehme ich noch, da Prof. Kummer verreist ist, mit Herrn Schlagbauer, dem 2. Vorsitzenden des Verschönerungsvereins, Kontakt auf, um die Sache voranzubringen.

Am Sonntag, den 11.10.2009, informiert mich Herr Schlagbauer, daß er Herrn Dr. Steidle erreicht habe. Dieser habe versprochen, sich um den Pfeiler zu kümmern. Leider war der Pfeiler zu diesem Zeitpunkt bereits umgelegt worden (wahrscheinlich Freitag, den 9.10.2009).

Am Freitag, den 16.10.2009, fahre ich zur Jahrestagung der Bayerischen Archäologen nach Donauwörth. Martin Wortmann hält einen Vortrag über den Bronnbacher Zisterzienserhof in Würzburg. Herr Wortmann gibt dabei einige Ergebnisse seiner Grabung bekannt. Dabei weist er auch auf die Entdeckung einer romanischen Doppeltoranlage hin. Der Mittelpfeiler habe sich noch in situ befunden. In seinem Plan sind auch die Fundamente des östlich gelegenen „Gegenpfeilers“ des Haupttores verzeichnet.

Auf dem Gelände des Bronnbacher Hofes bietet sich folgendes Bild: Der Pfeiler ist aufgrund des unsachgemäßen Niederreißens bereits beschädigt und nicht mehr vollständig. Die Abbruchfirma hat ein „Zwischenlager“ für die Spolien angelegt, die gesichert werden sollten. Im „Zwischenlager“ liegen aber auch einige „Neuzugänge“. Auffallend sind vor allem vier mächtige, zweifarbig (rot und blau) bemalte Keilsteinsegmente. Mehrere profilierte Teile könnten Teile der Rechteckblende, welche die Toranlage fassten, sein. Ob sie bei den weiteren Abbrucharbeiten – und damit noch in situ – oder bei den Erdarbeiten zu Tage gekommen waren, konnte nicht mehr geklärt werden. Aufgrund der gesonderten Lagerung gehe ich davon aus, daß diese Teile gesichert werden sollten. Dies erweist sich aber als Irrtum.

Am Dienstag, den 20.10.2009, ist das „Zwischenlager“ aufgelöst worden. Die Pfeilerteile sind aber auf dem Bauschutthaufen abgelegt, der entsorgt werden soll. Man hat offensichtlich nur die leichten Teile zur weiteren Aufbewahrung abtransportiert. Besonders gewichtige Teile sind aussortiert worden. Die Pfeiler-Teile sind jetzt bereits in größerem Ausmaß beschädigt und wieder sind einige Stücke abhanden gekommen.

Am Abend desselben Tages erreiche ich Herrn Steidle. Ich mache ihn auf die äußerste Dringlichkeit aufmerksam. Daraufhin verspricht Herr Steidle, Herrn Spenkuch als Vertreter der Unteren Denkmalschutzbehörde in Würzburg, einzuschalten.

Am Mittwoch, den 21.10.2009, werde ich um 8.15 Uhr von Herrn Steidle informiert, daß sich im Lauf des Tages Herr Spenkuch mit mir in Verbindung setzen werde. Um 9.00 Uhr erfolgt der Anruf Herrn Spenkuchs mit dem Hinweis, daß Herr Metzger von der Bauaufsicht mit mir Kontakt aufnehmen werde. Um 9.30 Uhr vereinbare ich mit Herrn Metzger ein Treffen für 10.15 Uhr.

Beim Betreten des Geländes des Bronnbacher Hofes bietet sich ein Bild der Verwüstung. Die Südostecke des Westflügels, deren mächtige Eckquader nicht nur eine gliedernde, sondern auch eine stabilisierende Funktion hatten, ist abgebrochen. Die barocke Balustrade ist zusammen mit den Resten der gotischen Hochtoranlage ebenfalls beseitigt. Die Pfeilerteile sind nun unter den neuen Mauertrümmern begraben. Die Krone des Trümmerberges bilden Teile der barocken Balustrade. Ich weise Herrn Metzger darauf hin, daß durch die neuesten Abrißmaßnahmen die Mauer nun, statisch betrachtet, nicht mehr stabil und damit wohl verloren und außerdem, kunsthistorisch betrachtet, nicht mehr aussagefähig sei. Meine Frage, ob wir nun mit Hilfe des Baggerführers wenigstens die Pfeilerteile noch ausgraben könnten, wird abschlägig beantwortet. Er, Herr Metzger, habe keinerlei Befugnis, dem Baggerführer Anweisungen zu geben. Da ich weder der Grabungsfirma Heyse, noch dem Stadtheimatpfleger, noch dem Verschönerungsverein zuzuordnen bin, werde ich aufgefordert, die Baustelle zu verlassen. Ich erinnere daran, daß Herr Spenkuch mich aufgefordert habe, mich mit ihm, Herrn Metzger, zu treffen, um die Spolien zu sichern, und es absurd sei, mich auf die Baustelle zu bestellen, um mich wieder von dieser zu verweisen. Herr Metzger möchte daraufhin den Sachverhalt im Rathaus mit Herrn Spenkuch klären. Er unterbindet noch den Abtransport des Teiles des Schuttes, in dem sich noch die Pfeilerteile befinden mögen, und eskortiert mich im Anschluß ins Rathaus zum Büro Herrn Spenkuchs. Dieser befindet sich aber in einer Besprechung.

Am Nachmittag rufe ich beim Denkmalamt in Bamberg an. Zunächst führe ich ein Gespräch mit Herrn Dr. Rembrant Fiedler. Mit dem Hinweis, keinerlei Handlungsmöglichkeiten zu haben, vermittelt er mich an Dr. Pick weiter. Ich erkläre diesem den Sachverhalt. Als ich äußere, daß man mit dieser Anlage doch schonender hätte umgehen müssen, da sie doch ein äußerst seltenes Beispiel romanischer Profanarchitektur darstelle, entgegnet Dr. Pick, daß seiner Meinung nach die Gebäudeteile des Bronnbacher Hofes nicht erhaltenswert sind. Er schließt mit folgender Bemerkung: „Wenn man schon nichts mehr hat, klammert man sich an die wenigen Reste“. Ich vertrete die Auffassung, daß man doch umso dringender um diese Reste kämpfen müsse. Auf seine Frage, was er denn nun tun solle, bitte ich ihn, mit Herrn Spenkuch wegen der eventuell noch vorhandenen Pfeilerteile in Kontakt zu treten.

Am Donnerstagmorgen, den 22.10.2009, ruft mich Herr Spenkuch an. Er habe gestern mit Hilfe von Herrn Heyse die noch auffindbaren Pfeilerteile gesichert. Im Hinblick auf die noch stehende romanische Mauer äußere ich Zweifel, ob sie aufgrund des weiteren Abrisses und der daraus resultierenden Destabilisierung noch zu retten sei. Herr Spenkuch verweist darauf, daß dies nun das Problem der Baufirma sei und daß es sein Auftrag sei, die Sicherung und Erhaltung der Restwand zu überwachen.

III. Schlußwort:



„Zusammenfassend bleibt festzustellen, daß Ignoranz im Rathaus und Versagen der amtlichen Denkmalpflege es zuließen, daß eine der wenigen Baulichkeiten der Stadt, welche die Zeiten – wenn auch angeschlagen – überdauerte, ohne Not abgerissen wurde. Was stehen bleibt vom Torso der alten städtebaulich und baugeschichtlich so wertvollen Kirche, erwächst […] solchermaßen freilich zum Denkmal kultureller Barbarei des auslaufenden Jahrtausends in dieser Stadt“,


so Adolf Käser in seinem Artikel „Würzburger Stadtteile: ‚Die Pleich‘ wandelt sich“ (In: Würzburg heute, S.55 [46/1988]). Was will man dem noch hinzufügen, wenn man die Pläne der Stadtplanung (Artikel vom 22.10.2009: Viel Toleranz für die Stadtgeschichte) bezüglich der erbarmungswürdigen Reste des Bronnbacher Hofes ansieht. Einzig das Wort Kirche ist durch Klosterhofanlage zu ersetzen. Nachdem die Anlage bis auf die Südmauer und eine anschließende Toranlage zusammengeschmolzen war, die barocken Teile aus der Petrinizeit aus dem Jahre 1661 – ohne auch nur einen Augenblick zu zögern – beseitigt wurden, blies man zum Angriff auf die ältesten und wertvollsten Bauteile. Zuerst beseitigt man die Toranlage, die beachtliche Reste einer romanischen Doppeltoranlage barg. Dann bricht man die Ostecke ab, deren mächtige Eckquader nicht nur eine gliedernde, sondern auch eine stabilisierende Funktion hatten. Dann köpft man die Anlage, indem man die barocke Balustrade beseitigt, die durch eine gotische (nun auch beseitigte) Hochtoranlage erschlossen wurde und die zusätzlich eine stabilisierende Funktion für die beiden aus verschiedenen romanischen Bauphasen stammenden Mauern hatte. Was macht man nun mit einem sämtlicher gliedernder und stabilisierender Bauteile beraubten Torso? Man gliedert ihn wieder durch Betonpfeiler, klopft sich auf die Schulter und ist stolz auf seinen sensiblen Umgang mit der Stadtgeschichte. Was fällt einem dazu noch ein? Nur eines: Rathaus und Denkmalamt bleiben auch im neuen Jahrtausend auf Kurs.

(Stellungnahme zum Artikel der Mainpost vom 22.10.2009: „Viel Toleranz für die Stadtgeschichte“)

IV. Zusammenfassung:



28.05.2009 Information des Denkmalamtes vor Ort (mündlich; Dr. Hoppe).

29.05.2009: Information des Denkmalamtes in Bamberg (Dr. Rembrant Fiedler, Dr. Robert Pick), telefonisch und schriftlich; zugleich Abschrift an die Stadt Würzburg (Herr Spenkuch).

15.06.2009: Herr Prof. Kummer wird informiert Kontaktaufnahme mit dem Bauträger. Stadtheimatpfleger Dr. Steidle wird informiert (mündlich).

16.06. 2009: Freilegung der romanischen Mauer und Einstellen des Abrisses.

17.07 2009: Mainpostartikel über den Bronnbacher Hof. Kontakt mit Herrn Dürrnagel; Hinweis auf den Wert der noch stehenden Bauteile. Die Bögen zum Inneren Graben und der erste Bogen zur Karmelitenstraße fallen. Fünf barocke Bögen an der Karmelitenstraße stehen noch.

18.06.2009: Der nächste barocke Bogen ist gefallen, sein Nachbar ist bereits vom Bagger angerissen worden.

19.06.2009: Stellungnahme in der Mainpost durch den Geschäftsmann Herrn Mars, der sich für die Erhaltung der noch stehenden Teile einsetzt.

22.06. 2009: Sämtliche barocken Teile sind niedergelegt worden. Die Mauerkrone der romanischen Mauer und damit die gotische Hochtoranlage ist schwer beschädigt.

23.06.2009: Dr. Steidle wurde informiert.

24.06.2009: Erneutes Telefonat mit Herrn Dürrnagel. Die noch stehende Mauer soll gesichert und durch die Grabungsfirma Heyse untersucht werden. Er setze sich auch dafür ein, daß die Firma Riedel-Bau angehalten wird, die romanische Mauer in den Neubau zu integrieren.

29.06.2009: Ostwand bis auf geringe Reste niedergelegt.

Juli-September 2009: Grabungskampagne der Firma Heyse. In diesem Zeitraum wurden die Garagen im Süd-Westen des Geländes und die darin integrierte Außenmauer des Südflügels niedergelegt.

25.09.2009: Tag der „offenen Tür“ auf dem Grabungsgelände: Grabungsfirma und Denkmalamt werden auf die romanischen Doppeltoranlage hingewiesen (mündlich).

28.09.2009: Prof. Kummer bestätigt meine Vermutung, daß es sich bei dem fraglichen Bauteil um den Mittelpfeiler einer Doppeltoranlage handelt.

30.09.2009: Dr. Steidle wird telefonisch und per E-Mail auf die Toranlage und die Dringlichkeit einer Grabung auf dem von der Grabungsfirma nur oberflächlich untersuchten Gelände des Südflügels hingewiesen.

Anfang Oktober: Gelände des Südflügels undokumentiert abgegraben

9.10.2009: Romanisches Doppeltor abgerissen.

16.10.2009: Jahrestagung der Bayerischen Archäologen in Donauwörth. Herr Martin Wortmann hält einen Vortrag über den Bronnbacher Zisterzienserhof in Würzburg.

20.10.2009: Bogen- und Pfeilerteile auf dem Bauschutthaufen abgelegt.

21.10.2009: Abriß der Ostecke der romanischen Mauer, der barocken Balustrade und der Reste der gotischen Hochtoranlage. Denkmalamtes in Bamberg wird informiert (Dr. Rembrand Fiedler, Dr. Robert Pick).

22.10.2009: Erneute Separierung von noch auffindbaren Pfeiler- und Bogenfragmenten durch die Firma Riedel und den Grabungsleiter Heyse. Danach verliert sich die Spur des Pfeilers. ''' Anfang November 2009:''' Die innere romanische Mauer wird bis auf eine Höhe von gut zwei Metern abgetragen, also 25% der Restsubstanz vernichtet.

Ende November 2009: Die äußere romanische Mauer wird ebenfalls bis auf eine Höhe von gut zwei Metern abgetragen, also nochmals 25 % der Restsubstanz vernichtet. Außerdem werden beide Mauern im Osten um mehrere Meter gekürzt. Die Mauer hat nun noch Türstockhöhe.

Dr. Christian Naser

Vielen Dank an Herrn Dr. Naser für die Zurverfügungstellung seines Berichts und von Fotos unterschiedlicher Autoren - siehe Bilddokumetation!