Pressemitteilung zum Bauvorhaben des St. Bruno-Werks in Würzburg, Spiegelstraße 2+10

Das am 17. März 2009 der Öffentlichkeit vorgestellte Bauvorhaben des St. Bruno-Werks in der Spiegelstraße Nr. 2+10 kann der Verschönerungsverein Würzburg e. V. (VVW) nicht unkommentiert lassen, da es einige gravierende, die Schönheit unserer Stadt betreffende Probleme aufwirft. Zuvor ist allerdings lobend anzuerkennen, dass der Bürger nicht vor vollendete Bautatsachen gestellt wird, sondern vor Einleitung des Genehmigungsverfahrens vom Investor umfassende Informationen über die Vorplanungen und das zur Ausführung bestimmte Projekt erhält. Zu begrüßen ist auch, dass das St. Bruno-Werk fünf Architekturbüros mit konkurrierenden Vorplanungen beauftragt hat. Zu bedauern ist freilich, dass eine zur Begutachtung der Planungen berufene sog. Jury nicht einen der drei diskutablen, sondern einen der zwei inakzeptablen Entwürfe zur Weiterbearbeitung ausgewählt hat, wodurch das ganze Verfahren fragwürdig erscheint.

Das Bauprojekt befindet sich auf historisch bedeutsamen Boden. Hier erstreckte sich der am 16. März 1945 zerstörte Domherrenhof Uissigheim, von dem sich nur ein relativ langgestreckter, fünfachsiger Gartenpavillon in den barocken Formen der Greising-Zeit (um 1710) erhalten hatte. Pläne, auch das Hauptgebäude des Domherrenhofes wiederaufzubauen, zerschlugen sich. Schon im bayerischen Denkmälerinventar von 1915 wird das „Gartenhaus“ als das „schönste dieser Art“ in Würzburg bezeichnet. In den fünfziger Jahren errichtete das St. Bruno-Werk nach Plänen des Architekten Fritz Lill und des städtischen Oberbaudirektors Rudolf Schlick eine Wohnanlage, die Strukturen der zerstörten Domherrenhofanlage aufnahm, um damit an die geschichtlich gewachsene Bebauung in diesem Stadtquartier anzuknüpfen und in der Spiegelstraße eine allzu große Bebauungsdichte zu vermeiden. Der barocke Pavillon erhielt eine an die ursprüngliche bauliche Situation erinnernde Umgebung: Das kleine Gärtchen (Café Lu / Venezia), das in eine größere Grünanlage übergeht, erinnert an den Garten des Domherrenhofes, die einstöckigen Flachdachbauten orientieren sich an der verschwundenen Gartenmauer. Zwar musste damals der Gartenpavillon wegen der Verbreiterung der Spiegelstraße um zwei Achsen verkürzt werden, aber der erhaltene stattliche Rest blieb dennoch eine Preziose (Rudolf Schlick: „Kleine Brosche“) in der zwar modernen, die Geschichte aber durchaus widerspiegelnden Bebauung. Der Pavillon ist ein besonders liebenswürdiges sowie in seiner Art höchst seltenes und darum besonders kostbares Relikt der vielgerühmten, großteils untergegangenen Barockstadt Würzburg.

Diesen seit annähernd einem halben Jahrhundert bestehenden baulichen Zustand drohen die derzeit laufenden Planungen gründlich zu verändern. Den fünf mit Vorplanungen beauftragten Architekten wurde die Aufgabe gestellt, die Flachdachbauten durch ein mehrstöckiges Wohn-Geschäfts-Haus zu ersetzen, den Barockpavillon zu einem Café umzugestalten und die Grünanlagen vor dem Wohnblock der fünfziger Jahre zu erhalten. Die Mehrheit der beauftragten Architekturbüros (Grellmann/Kriebel/Teichmann, Oechsner und Hetterich) hat sehr richtig erkannt, dass der künftige Wohn-Geschäfts-Bau, der eine ungewohnte, neue Verdichtung der Bebauung in der Spiegelstraße zur Folge haben wird, so orientiert und dimensioniert werden muss, dass zumindest die historisch überlieferte und gewachsene Umgebung des kostbaren Barockpavillons geschont wird. Die Besonderheit der überlieferten baulichen Situation wird in diesen drei intelligenten Projekten nicht nur erhalten, sondern sogar noch betont.

Wer die bauliche Tätigkeit des St. Bruno-Werks am Nikolausberg aufmerksam verfolgt hat, wird nicht erstaunt sein, wie sich der Investor entschied: Die von der Mehrheit der Architekten vorgelegten Entwürfe, die auf kluge und sensible Weise mit der baulichen Situation umgehen, erscheinen den Verantwortlichen des St. Bruno-Werks als unwirtschaftlich, weshalb sie die mehr oder minder brutalen Planungen vorziehen, die von der Minderheit der beauftragten Büros eingereicht wurden. Zwar fiel die Wahl nicht auf das groteske Projekt des Büros Redelbach, das vorsieht, den Barockpavillon einfach zu schlucken, sondern auf den zweitschlimmsten Entwurf, den das Büro Zumkeller vorlegte. Aus rein wirtschaftlichen Gründen – um nämlich dem Café die richtige Betriebsgröße zu sichern – soll das noch bestehende Cafégärtchen von einem Glaskubus überbaut werden, wodurch die neu entstehende Baumasse eine zusätzliche optische Verdichtung erhalten würde. Der geplante Glaskasten verdeckt nicht nur fast völlig die Hauptansichtsseite des Pavillons, sondern zerschneidet sie auch noch mit einer Betonplatte. Brutaler kann man mit einem wertvollen historischen Gebäude überhaupt nicht umgehen! Was sagt das Landesamt für Denkmalpflege dazu? Wohin geht der Weg der einst so glanzvollen Barockstadt Würzburg, deren bedeutendste Reste – darunter unser Pavillon – mit so viel Mühe gerettet und (auch mit städtischen Mitteln) wiederhergestellt wurden? Wer kam auf die unsinnige Idee, ein Café in diesem kleinen, etwa 100 qm Nutzfläche (plus Keller) aufweisenden Pavillon einrichten zu wollen? Und wie kann ein verantwortungsbewusster Planer auf die grausige Idee verfallen, das zierliche Barockgebäude mit Glasanbauten aufzublasen, um den Cafébetrieb wirtschaftlich zu gestalten? Ein Grundfehler der Planung ist die vorgesehene Platzierung des Cafés: Dieses gehört natürlich in den Neubau, dorthin, wo das alte Café Lu (heute: Venezia) war und noch ist. Dieser Planungsfehler ist unbedingt zu korrigieren, damit das von den Würzburgern und vielen Besuchern unserer Stadt geliebte Gärtchen sowie der ungestörte Anblick des schönen Barockpavillons erhalten werden können. Sind Gärtchen und Pavillon gerettet, dann lässt sich sogar über die unruhigen Gliederungen der Fassaden des neuen Wohngebäudes und dessen Staffelgeschoß hinwegsehen, die in der jetzt geplanten Form auch nicht unproblematisch sind.

Würzburg, 20. März 2009

Prof. Dr. Stefan Kummer 1. Vorsitzender des Verschönerungsvereins Würzburg e. V.