Das Rathaus
Kaum zu glauben, dass das historische Rathaus einer Stadt durch Baumaßnahmen bedroht sein kann. Mindestens vier problematische Eingriffe in die Bausubstanz sind seit 2007 festzustellen:
1. Totalabriss der historischen Originalumzäunung des Ehrenhofs
Vorher:

Ein harmonisches und historisches Ensemble war vor den Arbeiten zu sehen, Foto: Silvio Galvagni
Nachher:
Detailfoto (unten) mit Betonstufen und Stahllampen statt historischer Umzäunung und alten Gaslaternen. Die Bäume wurden nicht gefällt. Sie sind auch auf der älteren Aufnahme zu sehen:

Eine interessante und prägnante Beschreibung der Vorgänge lieferte Dipl. Ing. Günther Flierl, ehem. Architekt am Staatlichen Bauamt, als Leserbrief in lokalen Zeitungen. Wir zitieren ungekürzt:
Vernichtung von Kulturgut / Betonstein-Stolperfalle mit Restgrün
Auch Herr Wust übt sich im Schönreden, wenn er das „offene Rathaus“ mit dem Verschwinden des eisernen Zauns in der Rückermainstraße in Verbindung bringt. Denn einen zusätzlichen barrierefreien Zugang gibt es in Zukunft nur von der Langgasse. Kein kritisches Wort über die eher dürftigen Gestaltungselemente: solche Betonstein-Stolperfallen mit Restgrün und buckeligen Terrainverschleifungen sind doch eigentlich im Repertoire von Tiefbauingenieuren und nicht von Architekten. Und kein Wort zum Denkmalschutz, zu der brutalen Beseitigung von Kulturgut, aber auch zu der Vernichtung rein materieller Werte. Immerhin würde heute die Rekonstruktion des Gitterbauwerks nicht unter einer halben Million zu haben sein. Statt dessen die unerhörte Forderung, wegen der angeblich „gelungenen Lösung“ besser nicht über die Baukosten zu reden.
Warum wurde das Hofgitter abgebrochen? Der Bauzustand war ausgezeichnet. Es war auch nicht nur Sockel und Gitter, wie der Bericht uns glauben machen will, sondern in erster Linie eine Stützmauer von 1,2 m Höhe zwischen dem ebenen Rathaushof und der abfallenden Rückermainstraße. Auf dem bis zu 90 cm breiten, beidseitig profilierten und mehrfach verkröpften Sockel aus Muschelkalkquadern, wie sie heute in der Qualität und der Größe kein Steinbruch mehr hergibt, standen profilierte und mit Kapitellen bekrönte Pfeiler unterschiedlichen Querschnitts und Höhe. Eine geschickt rhythmisierte Pfeilerstellung betonte das Tor in der Mittelachse und machte es damit zu einem einheitlichen Ganzen.
Räumlich gliedert das handwerklich solide ausgeführte, repräsentativ wirkende Bauwerk das durch den Abbruch der Klosterkirche um 1740 entstandene Areal des ehemaligen Karmelitenklosters in einen wohlproportionierten Innenhof und eine den Marktplatz erschließende Straße.
Dem Baustil nach ist es dem Biedermeier zuzuordnen. Andreas Gärtner ( 1744-1826) repräsentiert als Architekt in Würzburg diesen liebenswürdigen, durch bürgerliche Schlichtheit (Sparsamkeit) gekennzeichneten Stil. Ein typisches Detail sind beispielsweise die zwar sorgfältig handgeschmiedeten, jedoch ungekünstelt glatten Gurte und Gitterstäbe. Das Theater wurde nach seinem Entwurf gebaut und auch der Obelisk für den Marktbrunnen.
Stilistisch ergänzt und bereichert das Gitterbauwerk das Ensemble Marktplatz. Architektonisch ist es unverzichtbares Gestaltungselement für den Bautyp einer Dreiflügelanlage. Wir finden es beispielsweise auch am Ehrenhof der Residenz. Die Beseitigung des sog. Ehrenhofgitters und dessen Verarbeitung zu Straßenschotter erfolgte übrigens unter dem ähnlichen Vorwand, den man heute für das Rathausgitter parat hat: den Hof für die Bürger zu öffnen. Heute gilt dieser Eingriff als größter Verlust der Residenzanlage seit ihrer Erbauung - und als Barbarei.
Im Stadtrat stimmt nur Karin Miethaner-Vent (Grüne) gegen den Abriss der Originalumzäunung, die um das Jahr 1800 errichtet wurden (Quelle Volksblatt).
Links: Ob Schloss Versailles, die Humboldt Universität oder der Bundesrat (Bild): Um die Bedeutung öffentlicher Gebäude für die Gesellschaft zu unterstreichen sind in Europa Ehrenhöfe oft mit Hofgittern ausgestattet. Im Bild das modern interpretierte Hofgitter des Bundesrat, mehr zum Ehrenhof und dem Bundesratsgebäude hier! Rechts: Zum Rathaus bauähnliches Hofgitter an der Luxburgschule in Würzburg.
2. Fassadenverstümmelung
Kaum zu glauben: die 200 Jahre alte Fassade wurde durchbrochen und dient nun als Tiefgarageneinfahrt.
Vorher:

Nachher:

Dem Ortsfremden sei noch angemerkt: Würzburg verfügt nicht über tausende von Denkmälern wie Bamberg oder Regensburg. Was der Krieg noch übrig lies zerstört die Stadtverwaltung nun offensichtlich gerne selbst.
3. Das Innere des Rathaus

Kein Scherz! So sieht das neue Innere im Westflügel des historischen Rathaus aus. Innenwände und Kellergewölbe wurden durch Beton ersetzt.
Weitere Anmerkung: Rathäuser dienen seit Jahrhunderten auch der Repräsentanz von Bürgerstolz und sind erste Visitenkarte einer Stadt.
Ein Bild von vor dem Umbau des Gebäudes haben wir noch nicht.
4. Rathausanbau und Bürgerbüro
Das neue Bürgerbüro wird man baulich als allgemein gelungen bezeichnen dürfen. Moderne Elemente ergänzen dezent die historischen Bestandteile. Seltsam erscheint jedoch der Eingangsbereich, in den man wie Trophäen alte, prächtige Tore bzw. Türrahmen aufgestellt hat. Anstelle einer authentischen Aufstellung - es handelt sich ja um ein (historisches) Rathaus und nicht um ein Museum - stehen sie seltsam verloren herum. Zu einem Tor gehört ja auch eine Mauer, durch die man hindurch möchte. Wieso hat man die alten Mauern entfernt? Dieses Detail kommt uns etwas geschichtsvergessen vor und erinnert an die vielen Hausfassaden der Stadt an denen Details der abgebrochenen Vorgängerbauten verloren herumhängen bzw. angeklebt wurden.
Insgesamt ist die Umbaumaßnahme jedoch eher ein positiver Lichtblick in Anbetracht der fortschreitenden Verstümmelung des historischen Rathauses. Über den angeblichen Abriss und Neubau in Beton der letzten Arkadenreihe sind wir leider nicht ausreichend informiert, hier könnte evtl. ein weiterer kritischer Punkt vorliegen. Mehr hier - sobald uns Infomationen vorliegen!
Fotos: Zwei Eingangstore bzw. -türen. Das Hintere ist prachtvoller.


Vergleichsbeispiele - Mauer auf Würzburger Art wegreißen?:


