Da wir die Rechte zur Veröffentlichung der Artikel nicht erworben haben, zitieren wir zentrale Stellen des interessantesten Artikels aus der FRANKFURTER RUNDSCHAU, der später erstaunlicherweise auch in der Bayerischen Staatszeitung (Direktlink weiter unten) abgedruckt wurde. Autor ist der international renommierte Architekturkritiker Rudolf Maria Bergmann:
„Unter den Sehnsuchtsorten deutscher Empfindsamkeit ist Würzburg eine erste Adresse mit der Vedute aus der lauernden Marienfeste und Balthasar Neumanns schwebender Wallfahrtskirche auf dem Nikolausberg. Reichlich flossen Spenden für die Sanierung des Kreuzwegs zum berühmten ‚Käppele‘. [...]
Die Schönheit des Nikolausbergs, die Stadtrandlage jenseits des Mains, haben Generationen respektiert. Große Parzellen, lichte Häuschen, maßvoller Wohlstand, Apfelterrassen, schließlich Höhensteige, darüber das Nikolauswaldparadies zusammenschlägt. Nun rückt man dem Berg rüde zu Leib. Zwei parvenühafte Villen aus dem Baukasten der neuen Prächtigkeit sprengen jede Maßstäblichkeit der Umgebung.
Dabei handelt es sich um einen ganz und gar würzburgischen Bautypus, die ‚kleine Bausache‘. Sie tritt gern auf , wo es, wie am Nikolausberg, keinen Bebauungsplan gibt. In dem Fall müssen sich Bauvorhaben - so das Gesetz – nur in die ‚Eigenart der näheren Umgebung‘ einfügen. Die ‚kleine Bausache‘, noch im Umfang einer großen gebauten Gemeinheit, gilt dem städtischen Bauausschuss dafür als probates Mittel. Der winkte eine neue, reichlich größere Bausache noch schnell vor der Sommerpause durch. Wo in der Nikolausstraße der Fußweg zum Käppele beginnt, errichtet das kirchliche ‚Sankt – Bruno - Werk‘ eine ‚Eigentumswohnanlage‘.
Für das steile Terrain ist der viergeschossige Block, dreißig Meter lang, achtzehn Meter tief, denkbar ungeeignet. Klotzige Randbebauung, rücksichtslos, anspruchslos, ortlos: Allerwelts - Investorenarchitektur.
Die Ablehnung der Denkmalschützer konnte daran nichts mehr ändern, weil sich das bayerische Denkmalschutzgesetz nur einmal mehr als Papiertiger erweist. Und damit sich das Grundstück von 1500 Quadratmetern richtig rechnet, werden ihm rückwärtig noch zwei kleinere Häuser aufgepfropft. [...]
Würzburgs Stadtlandschaft ist ja alles andere als ein Postkartenidyll. Seit dem Krieg ist sie dem Gestaltungsfuror ihrer Planer nachhaltig ausgesetzt. Statt ein städtebauliches Leitbild zu entwickeln, pfuschen sie mit immer neuen Marketingstrategien herum. Darüber schreitet der Kursverfall des architektonischen Erbes rasant voran. In der neoliberal umgepflügten City wirken die Altbauten wie ihre eigenen Attrappen, Juliusspital und Alte Universität allein schon durch ihre Grandezza wie ein Vorwurf. Vergebliche Mahnung, anspruchsvoll zu sein und sich im Kleinlichen nicht wohl zu fühlen. [...]
Das Wenige, was die Gegenbarockmuffelei des Wiederaufbaus von der Noblesse der Schönbornzeit übrig ließ, erfährt eine weitere Trivialisierung. Keine andere Stadt treibt ihre Selbstentwertung so konsequent voran wie Würzburg und ist darüber so notorisch mit sich selbst zufrieden. Es gelingt nicht andeutungsweise, in der Tradition zu bauen: nicht schwer, kalt, klotzig, materialprotzend, nicht vulgär, nicht trist, sondern zumindest mit Mut zum Freundlichen." [...]
Der Artikel erschien auch in der Bayerischen Staatszeitung, Ausgabe 46 vom 16.November 2007:
"Bauen auf schwierigem Terrain - Umstrittene Pläne des katholischen Bauträgers St. Bruno Werk"